Von der inklusiven Hochschule zum Job
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Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung profitieren von Aus- und Weiterbildungsangeboten an Hochschulen. Doch damit ist es nicht getan: Nach erworbener Qualifikation braucht es einen Zugang zum Arbeitsmarkt. Am Netzwerktreffen «stark3» zeigten Expert:innen in eigener Sache, wie ihnen dies gelingt.
Arbeit mit Menschen. Der écolsiv-Studiengang war eine Art «Game Changer» im Leben von Luc Huwyler. Vorher arbeitete er in einer Grossküche. Am Vormittag musste er Gemüse rüsten, am Nachmittag Geschirrspüler ausräumen. Tag für Tag. «Eigentlich wollte ich schon immer mit Menschen arbeiten, aber mit einem Sonderschulabschluss hast du nicht allzu viele Möglichkeiten», erzählt Huwyler. Erst mit dem écolsiv-Studium am Institut Unterstrass konnte er seine Interessen und Talente professionalisieren. «Assistenz mit pädagogischem Profil», so heisst sein Abschluss offiziell. Huwyler weiss nun, wie Kinder lernen und wie Unterricht funktioniert. Heute arbeitet er als Klassenassistenz an der Schule Niederhasli. Er hat eine Festanstellung; zusammen mit der IV-Rente ermöglicht ihm sein Einkommen ein autonomes Leben mit beruflicher Erfüllung. «Dank écolsiv bin ich dort, wo ich immer hinwollte», so Huwyler.
Marlen Heimgartner und Luc Huwyler haben den écolsiv-Studiengang abgeschlossen und arbeiten heute als Klassenassistenz an einer Schule.
Neue Verantwortung. Luc Huwylers Beispiel zeigt, was Hochschulbildung ermöglichen kann. Es wirft aber auch eine neue Frage auf: Was geschieht nach dem Abschluss? «Für die Hochschulen ergibt sich auch eine neue Verantwortung», sagt Chantal Deuss, HfH-Beauftragte für Gleichstellung und Diversity und Co-Leiterin des Treffens: «Was geschieht mit diesen Menschen nach ihrer Qualifizierung? Wie gelingt der Übergang in den Arbeitsmarkt?» Diese Fragen aus verschiedenen Perspektiven zu diskutieren, darum ging es beim Netzwerktreffen.
Hinweis: Was früher erster und zweiter Arbeitsmarkt hiess, wird heute als allgemeiner und ergänzender Arbeitsmarkt bezeichnet. Dies, um die Hierarchisierung zwischen den beiden Systemen etwas abzuschwächen.
Partner:innen im Netzwerk. Verschiedene Hochschulen und deren Inklusionsprojekte bilden das Netzwerk «stark3». Ziel ist es, Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung durch Aus- und Weiterbildung zu professionalisieren und damit zu stärken – und letztlich auch in der Gesellschaft sichtbar zu machen.
- In der HfH-Weiterbildung «Inklusionsbotschafter:in Plus» und im F-INK-Angebot der Pädagogischen Hochschule Bern (PHBern) qualifizieren sich Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung als Fachpersonen für Inklusion. Das Ziel: Ihr Erfahrungswissen weitergeben, etwa in Bildungs- oder Kultureinrichtungen.
- In der Forschungsgruppe Kreativwerkstatt der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) arbeiten Selbstvertreter:innen in partizipativen Forschungsprojekten mit.
- Und im Projekt SEGEL werden Menschen mit Beeinträchtigung zu Berater:innen ausgebildet, die ihre Perspektive bei schwierigen Entscheidungen einbringen.
Nischen schaffen. Die Beispiele zeigen: Es gibt inzwischen unterschiedliche Formen von Anstellungen und Tätigkeitsfeldern für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung. Doch die Erfahrungen sind noch jung und wenig etabliert, vieles hat Pilotcharakter. Chantal Deuss, sagt dazu: «Die Aufgabe der Hochschulen ist es, für diese Menschen Nischen zu finden – aber auch zu schaffen.» Schon breiter abgestützt ist die berufliche Integration von Absolvent:innen des Studiengangs «écolsiv». Aber auch hier sei die Anstellung nicht einfach ein Selbstläufer, erzählt Gabriela Breitenmoser, Schulleiterin an der Schule Niederhasli – und damit Luc Huwylers direkte Vorgesetzte. «Die Hürden und Fragen beginnen bereits vor der Anstellung und sind manchmal ganz trivial: So musste unsere Schulverwaltung beispielsweise zuerst herausfinden, wie ein Arbeitsvertrag für Luc aufzusetzen ist, damit IV-Rente und Einkommen zusammenpassen.» Deshalb sei das Netzwerk «stark3» so wichtig: «Hier kann man Informationen austauschen und von den Erfahrungen anderer profitieren», so Breitenmoser.
Job-Coach für ambulante Unterstützung. Im Unterschied zum ergänzenden Arbeitsmarkt läuft die Anstellung im allgemeinen Arbeitsmarkt nicht über eine soziale Institution, sondern direkt durch die Firma oder Organisation. «Oft sind Arbeitgeber mit den Fragen, die sich bei der Anstellung von Menschen mit einer IV-Rente ergeben, herausgefordert», sagt Lena Schiess. Sie ist Leiterin bei SEBE, einem Projekt des Sozialamts des Kantons Zürich. SEBE bedeutet «Selbstbestimmt entscheiden» und bietet für Menschen mit Behinderung ambulante Unterstützung in verschiedenen Lebensbereichen an: beim Wohnen, in der Freizeit – und ab Januar 2027 auch bei der Arbeit. «Im allgemeinen Arbeitsmarkt ist die Begleitung oft ein kritischer Punkt», erklärt Schiess. Künftig können erwachsene Menschen, die eine IV-Rente beziehen und eine Stelle im allgemeinen Arbeitsmarkt suchen oder haben, die Unterstützung von kantonal anerkannten Job-Coaches in Anspruch nehmen. Das Angebot ist sehr breit konzipiert. Schiess dazu: «Diese Coaches helfen bei der Stellensuche, gehen mit ans Bewerbungsgespräch und klären Fragen, die sich später bei der Anstellung zwischen Arbeitgeber und Mitarbeitenden ergeben.»
Die Netzwerktreffen finden jährlich statt. Alle interessierten Personen sind willkommen. Mittlerweile zählt das Netzwerk über 300 Mitglieder.
Im Netzwerk bringen sich Selbstbetroffene mit ihren Erfahrungen ein.
Begleitung zentral. Das Netzwerktreffen machte damit deutlich: Der Zugang zur Hochschule ist nur der erste Schritt. Damit aus Qualifikation auch berufliche Teilhabe wird, braucht es passende Tätigkeitsfelder, Arbeitgeber, die sich darauf einlassen – und eine verlässliche Begleitung beim Übergang. Klassenassistent Luc Huwyler erhält ebenfalls Begleitung: «Bei uns an der Schule hat eine Lehrperson die Funktion als Integrations-Coach. Ich treffe mich jede Woche mit ihr, um anstehende Fragen zu besprechen.» Oft seien diese rein administrativer Art: Organisation des Pensums oder Ausfüllen des Arbeitsrapports. «Aber auch anspruchsvolle Situationen im pädagogischen Alltag – mit Kindern wie auch mit Lehrpersonen – können geklärt werden», so Huwyler. Sein Beispiel zeigt: Wenn alles passt, gibt es nur Gewinner.
Das Netzwerktreffen «Inklusive Bildung an der Hochschule – stark3» hat am 9. September 2026 am Institut Unterstrass in Zürich stattgefunden und wurde von rund 50 Teilnehmenden besucht. Das Netzwerk besteht seit 2021. Etwa 300 Akteur:innen haben sich darin zusammengeschlossen. An der HfH werden die Aktivitäten des Netzwerkes durch Prof. Dr. Cornelia Müller Bösch und Chantal Deuss koordiniert.
Autoren: Steff Aellig, Dr., und Dominik Gyseler, Dr., HfH-Wissenschaftskommunikation (September 2026)